Zehn Irrtümer

November 1, 2019

Diskussion der Veröffentlichung von C. Spannagel "10 Irrtümer zum Einsatz digitaler Medien in der Schule". Warum sollte sich Schule nicht den neuen Medien verschließen sondern aktiv Mitarbeiten?

Christian Spannagel stellte für einen Zeitungsartikel „10 Irrtümer zum Einsatz digitaler Medien in der Schule“ zusammen [Spannagel]. Diese bilden eine Basis für den Einsatz digitaler Medien in der Schule. Es sind aber auch Fehlvorstellungen, die viele von uns haben. Entlang dieser Irrtümer kann man eine Idee für den Mehrwert von digitalen Medien entwickeln.

Irrtum 1: Die Schülerinnen und Schüler können schon alles.

Heute glauben viele, die digital Natives können schon alles. Jedoch zeigen sich Schwächen an zentralen Stellen. Wie speichert man Dateien und findet sie am nächsten Tag auch noch mal wieder. Weitere Beispiele finden sich im Umgang mit Word oder Excel, die Büroangestellte häufig mit Leichtigkeit lösen. So muss eben auch der Umgang mit diesen Programmen erlernt werden.

Irrtum 2: Dafür ist die Schule nicht zuständig

Dies ist häufig eine etwas einfache Antwort. Viele andere Dinge werden auch nicht in der Schule vermittelt. Schule hat jedoch einen besonderen Auftrag, die Schülerinnen und Schüler zu mündigen selbstverantwortlichen Bürgern zu erziehen. In den neuen digitalen Medien muss man den Umgang mit Daten und vor allem, was mit seinen Daten passiert, wissen und verstehen. Dies ist essenzieller Bestandteil mündiger Bürger und es muss erlernt werden. Hier ist Schule in der Pflicht. Es hat sogar Einfluss auf Wahlentscheidungen, wie sich in jüngster Zeit gezeigt hat.

Irrtum 3: Die Schule muss überwiegend vor den Gefahren warnen

Hierzu fallen jedem viele Dinge ein: Cybermobbing, Urheberrecht und Datenklau. Aber die Technologie hat nicht nur diese negativen Faktoren sondern auch positive Effekte. Man verfügt über den Zugang zu Informationen (z.B. Wikipedia), interaktive Möglichkeiten und Vernetzung.

Die interaktiven Zugänge ermöglichen ganz neue Zugänge zu Fragestellungen. Umfragen dauern bis zur Darstellung nur drei Minuten. Ein Gerade kann gedreht werden und man sieht die Effekte, ohne es zehnmal neu zu zeichnen.

Vernetzung ermöglicht den Austausch über den Unterricht hinaus. Man kann in Chats Diskussionen über lange Zeit und/oder große Entfernung führen. Nebenbei ist alles Dokumentiert.  

Irrtum 4: Computer lösen Lehrerinnen und Lehrer ab

Eine Idee die fast schon älter ist als der Computer. Fritz Lang zeigte in Metropolis eine Welt, die von Robotern unterstützt lebt. Isaac Asimov entwarf eine ähnliche Dystopie mit "Ich, der Roboter". Die Idee ist falsch.

Selbst "Flipped Classroom" oder "YouTube"-Tutorials ändern es nicht. Natürlich wird hier Wissen vermittelt, aber es funktioniert nicht ohne den Lehrer. Die Videos alleine helfen nicht, weiter wird eine echte Arbeitszeit benötigt. Diese Arbeitszeit ist, das wissen wir alle aus dem Sport, viel effizienter mit einem Trainer. Dieser Trainer, der Lehrer, der Lernbegleiter, hat eine zentrale Rolle im Prozess und kann nicht durch standardisierte Videos ersetzt werden. Es geht darum individuell zu fördern und zu fordern. Es geht um soziales Lernen, welches die Motivation steigert.

Was Computer können ist, statische Elemente abbilden. Vielleicht sogar verbessern, da es jetzt einem optimal sein sollte. Das erhöht effektive Lernzeiten, vielleicht sogar mit Stift und Papier.

Irrtum 5: Digitale Medien erleichtern das Lernen

Es gibt keinen positiven Einfluss auf das Lernen. Bis heute gibt es keine Studien die einen positiven Effekt von digitalen Medien auf das Lernen zeigen. PISA Auswertungen zeigen ggf. sogar einen negativen Effekt auf den Lernerfolg [OECD].

Dies ist nicht überraschend, der massive Einsatz von digitalen Medien ohne Konzept hat natürlich keinen Effekt. Das ist das zentrale Problem, es gibt nur wenige Konzepte. Wir stehen am Anfang einer spannenden Reise. Wenn man einen großen Haufen Bücher in die Klasse legt, dann erhöht auch der massive Einsatz von Büchern nicht den Lernerfolg. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass das Vorhandensein von Büchern die Welt verändern kann. Nach dem Buchdruck durch Gutenberg kam es zur Aufklärung und dann erst überlegten die Aufklärer, wie Bildung vermittelt wird. So ist es auch mit den digitalen Medien, nur sollte man vermeiden, erst Rückschritte zu machen.

Digitale Medien können einfache Aufgaben übernehmen, die Schülerinnen und Schüler jetzt nicht mehr so genau erlernen. Auf der anderen Seite ist es jetzt möglich sich mit höheren Prozessen zu beschäftigen, wie das Bewerten der Ergebnisse in einem Kontext, die Analyse der Möglichkeiten und Alternativen usw..

Irrtum 6: Digitale Medien lösen analoge ab

Es wird nicht passieren. Es bleibt weiterhin die Wahl zwischen  analogen und digitalen Medien. Man muss sich überlegen, was zielgerichteter ist.

Irrtum 7: Ich muss mich damit noch nicht auseinandersetzen

Ein häufiger Fehler von vielen Lehrerinnen und Lehrern. Die Technologie steht an letzter Stelle. "Didaktik vor Methodik" ist ein zentraler Punkt in der Unterrichtsplanung und er ist richtig. Aber es gibt noch keine Didaktik zu den digitalen Medien, "das ist ein weites Feld". Wie soll dann die Didaktik die Möglichkeiten der digitalen Medien berücksichtigen. Vielleicht ergeben sich ganz neue Zugänge zu bekannten Problemen. In der Mathematik bekommt die Heuristik ganz neue Möglichkeiten, da komplexe, arbeitsintensive Zusammenhänge variiert werde können. Heuristik entspricht nicht der mathematischen Präzision eines Beweises, aber es macht Dinge verständlich. Beweise tuen das nicht immer (vgl. Banach-Tarski-Paradoxon).

Irrtum 8: Mit der nachrückenden Generation ändert sich alles

Es ändert sich nicht mit jungen Lehreinnen und Lehrern. Da auch die Jungen lernen müssen, wie man mit digitalen Medien unterrichtet. Dies sollte im Rahmen der universitären Ausbildung erfolgen, am Besten in einer, dem entsprechenden, Umgebung. Dafür müssen sich die Ausbilder Professorinnen und Professoren, Dozentinnen und Dozenten und auch die Lehrer an den Hochschulen und Studienseminaren die digitalen Medien und die zugehörige Didaktik beherrschen. Dies ist ein Widerspruch in sich, es gibt noch keine Didaktik zu den digitalen Medien. Abgesehen davon findet der Medieneinsatz an diesen Stellen auch nicht hinreichend statt. Keiner darf sich vor diesen Anforderungen verstecken und alle sind aufgefordert mit anzupacken und die nächste Generation fit für digitale Medien zu machen.

Irrtum 9: Zeit, die ich heute in digitale Medien investiere, spare ich später

Es stimmt nicht, die Entwicklung ist viel zu schnell. Das was man mit digitalen Medien sparen kann, haben Lehrerinnen und Lehrer vor 40 Jahren mit ordentlichen Ordnern auch schon gespart. Traurig war es nur, wenn die aktuellen Zeitungsartikel im Politikunterricht mittlerweile in die Geschichte gehörten. Wer attraktiven, zeitgemäßen Unterricht machen will, wird nicht um die Arbeit herumkommen.

Irrtum 10: Ich kann das nicht

Es ist hier das gleiche Problem wie bei vielen Schülerinnen und Schülern. "Ich kann das nicht" ist das besserklingende "Ich will das nicht". Worum geht es hier? Man will bewusst durch Unfähigkeit sich das Leben leicht machen.

Es geht gar nicht darum, dass jeder immer digitale Medien einsetzten muss, es geht darum, dass der Einsatz digitaler Medien Zeit und Arbeit benötigt. Man bewegt sich dabei auf unsicheres Terrain vor Schülerinnen und Schülern, das erfordert Mut. Es geht bei digitalen Medien um Lust und Experimentierfreude. Es wird ständig schiefgehen, die Technik, die Ideen und die Didaktik. Aber es schafft auch etwas Besonderes gegenüber den Schülerinnen und Schüler, man muss zugeben, dass man selber unsicher ist.

Jetzt gibt es Personen, die sagen, in der Klasse ist kein Raum für Unsicherheit. Doch, die Schülerinnen und Schüler sind ganz häufig unsicher, wenn jetzt auch die Lehrerin oder der Lehrer unsicher ist, dann kann man es gemeinsam versuchen. Dieses neue Gefühl, gemeinsam Etwas zu erreichen, im Unterricht bietet auch neue didaktische und pädagogische Ansätze.

Zusammenfassung

Schule wird mit digitalen Medien arbeiten müssen. Zum einen sind es Fähigkeiten im Umgang mit als auch Wissen über den Umgang mit digitalen Medien. Dabei ist die große Herausforderung, wie müssen digitale Medien eingesetzt werden. Eine einfache Antwort hierauf wird keiner finden, es bleibt das Ausprobieren und Experimentieren.

Diese neue Welt sollte als Chance und nicht als Bürde verstanden werden. So kann man die Zukunft mit gestallten, dabei aber reflektiert mit allem umgehen und akzeptieren, es ist kein Allheilmittel für gute Bildung, sondern eine Bereicherung. Vor allem ist es Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler und zentraler Bestandteil ihrer Zukunft.

Informationen

Christian Spannagel ist Informatiker und Professor für Mathematik und Mathematikdidaktik an der PH Heidelberg. Er ist Vorreiter und Wegbereiter für den Einsatz von Massive Open Online Courses und Flipped Classroom in Deutschland.

Literatur

Spannagel C. 10 Irrtümer zum Einsatz digitaler Medien in der Schule. WebBlog. 2014

OECD. Students, Computers and Learning: Making the Connection, PISA, OECD Publishing, Paris. 2015

Image Benjamin Benno Falkner

Benjamin Benno Falkner Eynatten

Ich bin Lehrer an der SGS in Stolberg (Mathematik und Physik). Davor war ich in der Bio-Physik im FZ-Jülich beschäftigt. Mein Interessen sind Netzwerkentwicklung und deren soziale Aspekte.

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