BYOD: Warum nicht?

November 24, 2019

Bring Your Own Device (BYOD) ist eines der Schlagwörter der deutsche Digitalisierung in Schulen. Doch ist es wirklich die Lösung. Wahrscheinlich nicht.

Hinweis

Dieser Text ist Gegenstand der Forschung und Entwicklung. Der Inhalt kann sich jederzeit ändern und entspricht aktuellen Überlegungen. Es fehlen für einige Teile die Nachweise, da geeignete reduzierte Publikationen u.o. Quellen fehlen.

Bring Your Own Device (BYOD) ist das Schlagwort vieler Medienbefürworter in deutschen Schulen. Es ist günstig und jede Schülerin und jeder Schüler hat ein Smartphone. Es wird noch besser, jeder hat es auch zuhause und kann es für Hausaufgaben nutzen. Nicht zuletzt kann jede Schülerin und jeder Schüler sein Gerät selber warten. Dennoch muss die Antwort NEIN sein.

Schadensfall

Einer der einfachsten Gründe ist der Schadensfall. Da das Handy für die Schule genutzt wird und es in der Regel relativ teuer ist, stellt sich die Frage, wer das erste Handy finanziert und ob es von einem Eigenanteil der Eltern gedeckt wird. Doch damit beginnt es erst. Lehrerinnen und Lehrer kennen die Handys ihrer Schülerinnen und Schüler und wissen, wie vielen davon beschädigt sind. Wer hat die Ersatzpflicht? Hier sind verschiedenste Szenarien vorstellbar. Wenn der Schaden im Unterricht geschieht, dann ist es die Schule. Wenn der Schaden in der Pause auftritt, weil jemand gegen die Schultasche tritt, dann muss es wohl auch die Schule sein. Wenn auf dem Weg zur Schule die Schülerin oder der Schüler stürzt und dabei das Handy beschädigt wird, dann sollte es wie auch bei körperlichen Verletzungen die Schule sein. Wenn das Handy bei den Hausaufgaben vom Tisch fällt, dann könnte man auch noch die Schule in der Pflicht sehen, da das Handy im Einsatz für die Schule befindet. Unabhängig vom gewählten Szenario, warum sollten Eltern nicht die Chance nutzen und sich bei Beschädigung ein neues Smartphone von der Schule finanzieren zu lassen. An dieser Stelle sollte jedem das Problem deutlich werden, die Schule bzw. der Schulträger wird viele Handys bezahlen müssen.

Kontrolle

Wenn eigene Geräte in der Schule eingesetzt werden, müssen Kontrollmechanismen eingesetzt werden, so dass die Lehrerin oder der Lehrer in der Lage sind, Funktionen abzuschalten, die Arbeit zu überwachen und die Geräte einem Netzwerk hinzuzufügen. Damit dies möglich wird, ist ein sicherheitsrelevanter Eingriff in die Systemsoftware notwendig. Wenn viele heute schon ihr Leben mit Facebook, Google und Co. teilen, als wäre es der Lebenspartner (Nachweis folgt), so kann die Schule nicht die Rolle des Aufklärers der Schülerinnen und Schüler zu ihrer digitalen Persönlichkeit übernehmen und gleichzeitig eine Trojaner auf den Endgeräten der Schülerinnen und Schüler installieren. Hier könnt man das Spiel sogar noch weitertreiben, in wie weit die Anmeldung i.d.R. am Windows PC in der Schule, die Suche mit Google und der Office365, Apple oder Google Account das Recht auf Selbstbestimmung im Umgang mit persönlichen Daten untergräbt.

Heterogenität

Wer möchte auf den Luxus der vorhandenen Systeme zurückgreifen? Ja, es ist praktisch, doch kann die Lehrkraft auch bei Problemen helfen. Aus diesem Grund sollte es im einzelnen Unterricht niemals umsetzen lassen. Die Probleme gehen weiter. Der Netzwerkadministrator der Schule, der in den meisten Fällen wohl eine Lehrerin oder ein Lehrer mit der Neigung ist, muss alle möglichen Geräte in das System einbinden können und den Schülerinnen und Schülern die Anmeldung ermöglichen. Kennen sie sich aus mit Linux, BSD, Plan9, OS X oder Solaris aus. Häufig wird die Antwort nein sein. Natürlich handelt es sich um Exoten, doch sollen diese ausgeschlossen werden, weil sie dann doch das falsche Device mitbringen.

Gesundheit

Die Gesundheit der Schülerinnen und Schüler muss ebenfalls berücksichtigt werden. Hier sind nur einige wichtige Einwände gegen den Einsatz von Handys. Gerade für Handys wurde nachgewiesen, dass Jugendliche, die viel Zeit mit dem Handy verbringen, ein deutlich erhöhtes Risiko für Kurzsichtigkeit haben. Kinder lernen das in die Ferne sehen durch das Spiel im Freien und das aktive in die Ferne Schauen. Dies wurde unteranderem durch eine Studie in China bestätigt (Guam et al.).

Neben der Entwicklung der Augen, konnte gezeigt werden, dass aus der Verwendung von Handys klassische Symptome von Abhängigkeiten entstehen. Diese Abhängigkeit würde gerade durch den Gebrauch des eigenen Handys weiter gefördert. Die hiermit verbundenen Effekte konnten in Studien nachgewiesen werden und sind anerkannt, auch wenn die WHO plant nur die Videospielesucht in ihr Diagnosehandbuch (ICD-11) aufzunehmen.

Auch die Smartphone bedingten Depressionen sollten nicht vernachlässigt werden. Studien aus den USA haben das Problem untersucht und zeigen eine starke Abhängigkeit zwischen dem Handygebrauch und Depressionen. Dies geht in den USA sogar soweit, dass Facebook die Kommentare der Nutzer scannt und Warnungen bei Suizidgefahr verschickt (Singer). In Europa ist es aufgrund des Datenschutzes nicht erlaubt. Dieses System ist kein Zeichen der Menschenliebe eines Großkonzerns, sondern reines Marketing. Live gestreamte Selbstmorde sind schlecht für das Geschäft (Jenkins).

Aufmerksamkeit

Das Handy in der Tasche reduziert die Aufmerksamkeit und lenkt ab. Hierbei handelt es sich um einen gut untersuchten Zusammenhang. Studien zeigen, dass bereits ein Handy in der Tasche die Leistung mindert. Ungeachtet der massiven Effekte bei der Möglichkeit das Handy zu nutzen sind selbst bei der Verfügbarkeit des Handys im Raum, in der Tasche messbar. Neben diesen Effekten gibt es Phantomeffekte, wie das gefühlte Vibrieren des Smartphones, ohne dass eine Nachricht eingegangen ist, das Bedürfnis auf sein Handy zuschauen, man könnte ja etwas verpasst haben. Diese schon einer Sucht ähnlichen Beobachtungen mindern weiter massiv die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler (Nachweise folgen).

Soziale Gerechtigkeit

Der letzte Punkt ist die soziale Gerechtigkeit. BYOD ist das Mittel zur sozialen Teilung von Gruppen. Nicht jede Familie kann sich ein Smartphone für 1000€ leisten, einige werden Geräte für 200€ nutzen müssen.  Die Alternative ist, es werden iPhones für alle über die Sozialämter gefördert.

Zusammenfassung

Es ist offensichtlich, dass neben den Kosten für den Schulträger BYOD ein soziales, gesundheitliches und didaktisches Desaster sein muss. Schulen die dieses Konzept anwenden, werden ihrer Rolle nicht gerecht und verstoßen wahrscheinlich auch gegen das Schulgesetz des Bundeslandes.

Literatur

Honey, C. Bin ich süchtig nach meinem Smartphone? Die Zeit. 09.04.2018

Singer, N. In Screening for Suicide Risk, Facebook Takes On Tricky Public Health Role. New York Times. 31.12.2018

Jenkins, A. Alabama Man Uses Facebook Live to Stream His Suicide. Time. New York. 26.04.2017

Image Benjamin Benno Falkner

Benjamin Benno Falkner Eynatten

Ich bin Lehrer an der SGS in Stolberg (Mathematik und Physik). Davor war ich in der Bio-Physik im FZ-Jülich beschäftigt. Mein Interessen sind Netzwerkentwicklung und deren soziale Aspekte.

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